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AGCS hat ein Jahr mit dem neuen Bilanzierungsmodell beendet


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    Gas2. Oktober 2023, Wien

    Seit einem Jahr existiert in Österreich ein neues Gasbilanzierungsmodell. Zuständig für die Implementierung und Umsetzung der neuen Regeln war die AGCS Gas Clearing und Settlement AG, mit Sitz in Wien. EnergyNewsMagazine hat zum einjährigen Jubiläum mit dem Vorstand der AGCS gesprochen.

    Wie hat sich das erste Jahr mit dem neuen Bilanzierungsmodell für die AGCS dargestellt?

    Das vergangene Jahr war für uns besonders herausfordernd und das aus mehreren Gründen. Da war zunächst natürlich die Gaskrise und die damit zusammenhängenden Extrempreise. Außerdem standen wir am Ende eines Ausschreibeverfahrens in dem die deutsche THE (Trading Hub Europe GmbH) von der E-Control als Bilanzierungsstelle benannt wurde. Überraschend in dem Zusammenhang war, dass von der Behörde aus dem Bilanzgruppenkoordinator eine Bilanzierungsstelle gemacht wurde. Letztendlich wurde aber doch die AGCS von der E-Control damit beauftragt, das neue Bilanzierungsmodell mit Okt 2022 umzusetzen, ansonsten hätte man noch Jahre darauf warten müssen.  

    Ausgangspunkt für das neue Bilanzierungsmodell war die Gasmarktmodellverordnung (GMMO-VO), die auf dem Gaswirtschaftsgesetz 2020 beruht. Ziel der Verordnung war die Harmonisierung der Ausgleichsregeln im Verteil- und Marktgebiet.

    Seit Oktober 2022 werden alle Bilanzgruppen tagesbilanziert. Das Ausgleichsenergiepreismodell ist ein Dreipreismodell, wobei die Netzbetreiber für Tagesabweichungen den Börsepreis, die anderen Marktteilnehmer einen Börsepreis mit geringem Auf- und Abschlag verrechnet bekommen. Das Restlastverfahren wurde abgeschafft, Verrechnungsbrennwerte sollten in Zukunft durch echte Brennwerte ersetzt werden. Die Tagesbilanzierung erlaubt es den Marktteilnehmern untertägig, kostenlos Flexibilität aus dem Linepack zu nutzen. Sollte der Linepack konsumiert sein und gegenläufige Abrufe dadurch stattfinden, werden den Verursachern geringe Strukturierungsbeträge verrechnet. – Jede Menge technische und organisatorische Umstellungen also für alle Beteiligten.

    Ist das Modell aus Ihrer Sicht ein gutes Modell?

    Wir halten es jedenfalls für sinnvoll, dass nun alle Marktteilnehmer in einer Bilanzzone zusammengefasst sind. Ob alle Erwartungshaltungen erfüllt wurden und der versprochene Nutzen eingetreten ist, sollte von der Regulierungsbehörde evaluiert werden.

    Können Sie den Aufwand durch die Umstellung näher skizzieren?

    Die Anzahl der Bilanzgruppenverantwortlichen erhöhte sich mit einem Schlag von 40 Versorgern auf 120 Versorger und Transiteure. Das bedeutete natürlich, dass bei der AGCS das Mengengerüst und der Datenverkehr, besonders durch die Einbindung der Fernleitungsnetzbetreiber massiv zunahmen. Der eigentliche Aufwand bestand im Onboarding, also der Integration der neuen Marktteilnehmer, Einrichtung der Schnittstellen und Datenübertragungen mit den Fernleitungsnetzbetreibern sowie Softwareanpassungen aufgrund des Ausgleichsenergiepreismodells. Ansonsten musste unser Clearingsystem leisten, was es schon seit 20 Jahren erfolgreich leistet. Darüber hinaus werden seit Oktober 2022 die Auktionsplattformen, die für Versorgungssicherheit wichtig sind, 24/7 vom Central European Gas Hub (CEGH) bereitgestellt. Und natürlich war es auch für die Marktteilnehmer eine Riesen-Challenge, mitten in der Gaskrise an ein völlig neues Bilanzierungsmodell anzubinden. Kurz: Die ganze Branche war gefordert, hat aber diese Herausforderung gut gemeistert.

    Wie konkret machte sich die Gaskrise für Sie als Bilanzgruppenkoordinator bzw. Bilanzierungsstelle bemerkbar?

    Die Gaspreise an der Börse lagen zeitweise bei 300 Euro/MWh. Als Verrechnungsstelle für Ausgleichsenergie rechnen wir diese Preise mit den Marktteilnehmern ab. Die AGCS besorgt für den Systemausgleich die benötigten Gasmengen von der Gasbörse, bezahlt diese unmittelbar dem European Community Clearinghouse (ECC), rechnet allerdings erst in der zweiten Hälfte des Folgemonats mit den Marktteilnehmern ab. Das bedeutet, dass wir für eineinhalb Monate die gesamten Ausgleichsenergiemengen für das Marktgebiet vorfinanzieren und dafür auch die nötigen Mittel bereithalten müssen. Die Preissituation hat die Liquidität also stark strapaziert. Die zeitweise Verzehnfachung der Gaspreise führte wegen unserer Vorfinanzierung zu einer Vervielfachung der Liquiditätsanforderungen. Deswegen mussten auch die Kreditlinien erhöht werden. In den letzten drei Monaten des Jahres 2022 waren außerdem Umlageverrechnungen in der Höhe von 150 Millionen Euro notwendig. Diese Mittel werden an die Marktteilnehmer rückgeführt, sollte sich die Marktsituation wieder nachhaltig entspannen. 

    Sie haben es bereits angesprochen: Eigentlich sollten ja nicht die AGCS, sondern die deutsche Trading Hub Europe die Bilanzierung in Österreich übernehmen. Wieso ist nun doch die AGCS zuständig?

    Es ist richtig, nach der Ausschreibung im Jahr 2020 wurde die deutsche Trading Hub GmbH von der österreichischen Regulierungsbehörde mit den österreichischen Bilanzierungsaufgaben betraut. Die AGCS hat dieses Ausschreibeergebnis aber beim Bundesverwaltungsgericht wegen beträchtlicher Mängel beeinsprucht. Das Bundesverwaltungsgericht hat die Bedenken der AGCS bezüglich ausschreibungsrelevanter Punkte der GMMO-VO geteilt und diese in Teilbereichen dem VfGH vorgelegt. Die Entscheidung steht noch aus. Die AGCS ist trotzdem dem Ersuchen der Regulierungsbehörde im Sinne der Marktentwicklung nachgekommen, das neue Bilanzierungsmodell kurzfristig mit 1.10.2022 interimistisch umzusetzen.

    Die Tatsache, dass es Österreich zulässt, dass Energieprozesse und Energiedaten von dieser Wichtigkeit ins Ausland verlagert werden, ist aus unserer Sicht völlig unverständlich. Die E-Control plant ja sogar, die Ausschreibung des Bilanzgruppenkoordinators alle fünf Jahre zu wiederholen. Das hieße, dass vielleicht in Zukunft ausländische Infrastrukturprovider für die Abwicklung österreichischer Bilanzierung und Versorgungssicherheitsaufgaben zuständig wären. Einen solchen Transfer von systemkritischer Energieabwicklung lässt kein anderer europ. Staat in dieser Art zu! Gerade bei einem Unternehmen wie THE, das auch in einem Nachbarland für dieselben Themenbereiche wie Versorgungssicherheit tätig ist, sind Interessenkonflikte absehbar; siehe Gasspeicherumlage.

    So hat sich auch der Umsetzungstermin in Österreich bereits um ein Jahr verzögert von Okt 2021 auf Okt 2022. Wir vermuten, dass die österr. Umsetzung wegen anderer Projekte in Deutschland – Stichwort Marktgebietszusammenlegung – gegenüber Deutschland nachgereiht wurde.

    Wieso ist dann die Entscheidung der E-Control überhaupt auf THE gefallen?

    Die GMMO-VO wurde so konstruiert, um es Wettbewerbern zu ermöglichen nur rund die Hälfte der notwendigen gesetzlichen Leistungen anzubieten. Davon hat der eine Wettbewerber natürlich Gebrauch gemacht. Näheres müsste man bei den Vorständen der Regulierungsbehörde erfragen.

    Was stimmt denn nun eigentlich: Bilanzgruppenkoordinator oder Bilanzierungsstelle?

    Das Gesetz spricht von Bilanzgruppenkoordinator. Die Bilanzierungsstelle ist eine Erfindung der Regulierungsbehörde, die mit der GMMO-VO ein Konstrukt geschaffen und europaweit ausgeschrieben hat, das gesetzlich so gar nicht vorgesehen ist. Die Aufgaben des durch das Gesetz vorgesehenen Bilanzgruppenkoordinators wurden dadurch in einen Allokationsdatenabwickler und eine Abrechnungs-/Verrechnungsstelle zerlegt. Die Rolle der Abrechnung sollte die Bilanzierungsstelle übernehmen, jene der Allokationsdatenbank die AGGM, die Austrian Gas Grid Management AG.

    Es geht uns nicht um die Begrifflichkeit, sondern um den Inhalt der Aufgaben. Natürlich sollte man derart sensible Energieaufgaben und Auktionsplattformen für Versorgungssicherheit in österreichischer Hand belassen.

    Wie sehen die anderen Betroffenen das neue Bilanzierungsmodell ?

    Wir können jetzt nicht generell für die Branche sprechen, sehen aber in der Kommunikation mit den Marktteilnehmern, dass die Umstellung recht gut funktioniert hat. Es gibt auch einige Herausforderungen. Zum Beispiel müssen die Netzbetreiber insbesondere auf die sogenannte Linepackbewirtschaftung intensiv achten, da die Umstellung auf die Tagesbilanzierung mit größeren Schwankungen in den Gasflüssen einhergehen kann und das Netz trotzdem zu jeder Zeit stabil gehalten werden muss, um die Transportwünsche gleichzeitig zu jedem Zeitpunkt zu erfüllen.

    Es macht Sinn bei den einzelnen Akteuren wie Versorger, Transiteuren, Industrie und weitere Systemoperatoren, Feedback zum neuen Bilanzierungsmodell einzuholen, damit man die Vorteile bzw. Nachteile aus deren Perspektive versteht. Unser Clearing ist gerne bereit Feedback, Anregungen, Kritik betroffener Marktteilnehmer entgegenzunehmen und führt dazu bereits Gespräche.

    Vielen Dank für das Gespräch!

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    Author: Anthony Roberts

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